Wesen & Alltag
Rund um das Wesen und den Alltag von Nackthunden gibt es viele pauschale Vorstellungen. Gelten sie als besonders ängstlich oder anhänglich? Brauchen sie wenig Bewegung, können schlecht allein bleiben oder sind keine richtigen Outdoor-Hunde?
Die sieben Karten betrachten solche Aussagen einzeln und ordnen ein, was über Verhalten, Aktivität, Rasseunterschiede und Wohlbefinden tatsächlich bekannt ist.
Nackthunde sind besonders ängstlich und empfindlich.
Haarlosigkeit macht einen Hund nicht ängstlich oder besonders empfindlich.
Wie sicher, zurückhaltend oder sensibel ein Hund auf seine Umwelt reagiert, ist individuell verschieden. Verhalten entsteht aus dem Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, Erfahrungen, Sozialisation und Umwelt. Aus der Haarlosigkeit selbst lässt sich keine besondere Ängstlichkeit ableiten. Große Verhaltensstudien zeigen zudem, dass die Rasse allein das Verhalten eines einzelnen Hundes nur begrenzt vorhersagt.
Ängstlichkeit und Unsicherheit sind komplexe Verhaltensmerkmale. Genetische Einflüsse sind nachweisbar, gleichzeitig spielen Aufzucht, Erfahrungen und Lebensumfeld eine wichtige Rolle. Für einen Zusammenhang zwischen Haarlosigkeit und einer grundsätzlich erhöhten Ängstlichkeit gibt es keine belastbaren Belege. Nackthunde zeigen wie andere Hunde ein individuelles Temperament und können selbstsicher, zurückhaltend, lebhaft oder ruhig sein.
Mehr zu Persönlichkeit, Verhalten und individuellen Unterschieden steht unter „Wusstest du schon … Wesen & Alltag“.

- Morrill et al. – Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes
- MacLean et al. – Highly heritable and functionally relevant breed differences in dog behaviour
- Bhowmik et al. – Heritability and Genome-Wide Association Study of Dog Behavioral Phenotypes in a Commercial Breeding Cohort
Nackthunde sind reine Schoßhunde und brauchen wenig Bewegung.
Nackthunde sind aktive Hunde mit einem individuellen Bewegungsbedürfnis.
Nackthunde sind körperlich aktive Hunde und können Spaziergänge, Spiel, Training und Hundesport ebenso ausüben wie andere Hunde. Wie viel Bewegung ein einzelner Hund braucht, hängt unter anderem von Alter, Gesundheit, Körperbau, Temperament und individuellem Aktivitätsniveau ab. Haarlosigkeit ist kein Maß für den Bewegungsbedarf.
Der Bewegungsbedarf von Hunden lässt sich nicht allein aus Größe, Rasse oder äußerem Erscheinungsbild ableiten. Untersuchungen zeigen deutliche Unterschiede sowohl zwischen als auch innerhalb einzelner Rassen. Für Chinese Crested gibt es zudem konkrete Daten aus einer großen Untersuchung zur körperlichen Aktivität: Die untersuchten Hunde wurden keineswegs auffällig wenig bewegt. Die Vorstellung vom „Schoßhund“ beschreibt deshalb eher ein menschliches Bild kleiner Begleithunde als deren tatsächliche körperliche Möglichkeiten oder Bedürfnisse.
Mehr zu Bewegung, Beschäftigung und Aktivität steht unter „Wusstest du schon … Wesen & Alltag“.

- Pickup et al. – Variation in activity levels amongst dogs of different breeds: results of a large online survey of dog owners from the UK
- O’Rourke et al. – Estimated activity levels in dogs at population scale with linear and causal modeling
- Hielscher-Zdzieblik et al. – Impact of Dog’s Age and Breed on Dog Owner’s Physical Activity: A German Longitudinal Study
Nackthunde sind wegen ihrer Haarlosigkeit besonders menschenbezogen und anhänglich.
Menschenbezogenheit und Anhänglichkeit entstehen nicht durch Haarlosigkeit.
Menschenbezogenheit und Anhänglichkeit können bei Nackthunden ebenso ausgeprägt sein wie andere individuelle Verhaltensmerkmale. Daraus lässt sich jedoch kein ursächlicher Zusammenhang mit der Haarlosigkeit ableiten. Sozialverhalten und Persönlichkeit werden von genetischer Veranlagung, individuellen Erfahrungen, Sozialisation und Lebensumfeld beeinflusst.
Hunde unterscheiden sich individuell und auch zwischen Rassen in verschiedenen Verhaltensmerkmalen. Diese Unterschiede beruhen auf komplexen genetischen und umweltbedingten Einflüssen. Die genetischen Veränderungen, die beispielsweise beim Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú mit der FOXI3-bedingten Haarlosigkeit verbunden sind, betreffen die Entwicklung ektodermaler Strukturen. Ein wissenschaftlich belegter Mechanismus, durch den diese Haarlosigkeit Hunde besonders menschenbezogen oder anhänglich macht, ist nicht bekannt.
Mehr zu Persönlichkeit, Sozialverhalten und individuellen Unterschieden steht unter „Wusstest du schon … Wesen & Alltag“.

Nackthunde können schlecht allein bleiben.
Alleinbleiben ist kein grundsätzliches Problem von Nackthunden.
Nackthunde können ebenso wie andere Hunde entspannt allein bleiben. Wie gut ein einzelner Hund mit Trennungssituationen zurechtkommt, hängt von verschiedenen individuellen und umweltbedingten Faktoren ab. Ein Zusammenhang zwischen Haarlosigkeit und Problemen beim Alleinbleiben ist wissenschaftlich nicht belegt.
Trennungsbezogenes Verhalten kommt bei Hunden unterschiedlicher Rassen und Mischlingen vor. Forschung zeigt, dass unter anderem frühe Erfahrungen, individuelle Verhaltensmerkmale, Training, Lebensumstände und Veränderungen der gewohnten Routine eine Rolle spielen können. Eine aktuelle Längsschnittstudie fand bei sechs Monate alten Hunden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Rasse und trennungsbezogenem Verhalten. Haarlosigkeit ist ebenfalls kein bekannter Risikofaktor.
Mehr zum Alleinbleiben und individuellen Verhalten steht unter „Wusstest du schon … Wesen & Alltag“.

- Bradshaw et al. – Aetiology of separation-related behaviour in domestic dogs
- Harvey et al. – Impact of Changes in Time Left Alone on Separation-Related Behaviour in UK Pet Dogs
- Dale et al. – Canine separation-related behaviour at six months of age: Dog, owner and early-life risk factors identified using the ‘Generation Pup’ longitudinal study
Nackthunde sind keine richtigen Outdoor-Hunde.
Nackthunde können draußen aktiv und vielseitig unterwegs sein.
Spaziergänge, Wanderungen, Training und andere Aktivitäten im Freien gehören auch mit Nackthunden zu einem aktiven Alltag. Haarlosigkeit steht einem aktiven Alltag im Freien grundsätzlich nicht entgegen. Wie bei allen Hunden werden Aktivitäten an Wetter, Temperatur, Belastung und den individuellen Hund angepasst.
Hunde regulieren ihre Körpertemperatur durch verschiedene physiologische Mechanismen. Das Haarkleid beeinflusst dabei die Isolation und den Wärmeaustausch, ist aber nicht die Thermoregulation selbst. Untersuchungen zeigen, dass Körperbau, Größe, Aktivität, Trainingszustand, Umweltbedingungen und Fellbeschaffenheit den Wärmehaushalt beeinflussen. Daraus ergibt sich keine wissenschaftliche Grundlage dafür, haarlose Hunde grundsätzlich von Outdoor-Aktivitäten auszuschließen.
Mehr zu Aktivität, Wetter und Alltag steht unter „Wusstest du schon … Wesen & Alltag“ sowie unter „Wusstest du schon … Haarlosigkeit & Thermoregulation“.

- Jiménez et al. – Effect of different masses, ages, and coats on the thermoregulation of dogs before and after exercise across different seasons
- Russel et al. – Body Temperature Regulation in Domestic Dogs After Agility Trials: The Effects of Season, Training, Body Characteristics, Age, and Genetics
- Jiménez et al. – Demographic, morphological and coat factors in dogs after exercise at a fast course ability test (FCAT) trial
Chinese Crested, Xolo und Perro sind sich im Wesen weitgehend ähnlich.
Gemeinsame Haarlosigkeit bedeutet kein gemeinsames Wesen.
Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú verbindet die Haarlosigkeit, daraus folgt jedoch kein gemeinsames Wesen. Sie sind eigenständige Rassen mit unterschiedlicher Entstehungs- und Zuchtgeschichte. Hinzu kommen große individuelle Unterschiede zwischen einzelnen Hunden.
Verhalten wird durch zahlreiche genetische und umweltbedingte Faktoren beeinflusst. Studien zeigen messbare Verhaltensunterschiede zwischen Hunderassen, gleichzeitig besteht innerhalb jeder Rasse eine erhebliche individuelle Variation. Ein gemeinsames äußerliches Merkmal wie Haarlosigkeit reicht deshalb nicht aus, um daraus ein gemeinsames Verhaltensprofil abzuleiten. Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú sollten im Wesen ebenso differenziert betrachtet werden wie andere eigenständige Hunderassen.
Mehr zu Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú steht in der „Rasseübersicht“.

Nackthunde können gar nicht lebensfroh sein, weil sie ständig leiden, Schmerzen haben und gequält sind.
Haarlosigkeit bedeutet nicht, dass ein Hund ständig leidet oder Schmerzen hat.
Lebensqualität und Wohlbefinden werden beim einzelnen Hund anhand seines tatsächlichen körperlichen und psychischen Zustands beurteilt. Für die FOXI3-bedingte Haarlosigkeit gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass sie an sich mit dauerhaften Schmerzen oder ständigem Leiden verbunden ist. Nackthunde können aktiv sein, spielen, lernen, soziale Kontakte pflegen und ein vielfältiges Hundeleben führen.
Schmerzen und beeinträchtigtes Wohlbefinden zeigen sich bei Hunden unter anderem durch Veränderungen von Aktivität, Bewegung, Sozialverhalten, Spiel, Stressreaktionen und anderen normalen Verhaltensweisen. Studien zu Hunden mit chronischen Schmerzen zeigen deutliche Unterschiede zu gesunden Hunden in genau diesen Bereichen.
Die FOXI3-Variante erklärt bei Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú die charakteristische Entwicklung von Haaren und Zähnen. Die genetischen und morphologischen Untersuchungen belegen diese Veränderungen, weisen aber nicht nach, dass die Haarlosigkeit selbst chronische Schmerzen oder dauerhaftes Leiden verursacht.
Mehr zu Gesundheit, Wohlbefinden und FOXI3 steht unter „Wusstest du schon … Genetik & Biologie“ sowie „Mythos vs. Realität – Gesundheit“.

- Drögemüller et al. – A mutation in hairless dogs implicates FOXI3 in ectodermal development
- Kupczik et al. – The dental phenotype of hairless dogs with FOXI3 haploinsufficiency
- Monteiro et al. – 2022 WSAVA guidelines for the recognition, assessment and treatment of pain
- Malkani et al. – How does chronic pain impact the lives of dogs: an investigation of factors that are associated with pain using the Animal Welfare Assessment Grid