Adopt, don’t shop – wenn Tierschutz zum Züchter-Bashing wird

Mediencheck

„Adopt, don’t shop.“

Kaum ein Slogan bringt die moralische Rollenverteilung bei der Hundesuche so zuverlässig auf drei Wörter.

Hier die Adoption aus dem Tierschutz – die gute Entscheidung.

Dort der Kauf beim Züchter – offenbar die Variante, von der man besser abrät.

Natürlich kann man für die Adoption eines Tierschutzhundes werben. Tierheime und Tierschutzorganisationen vermitteln Hunde, die ein Zuhause brauchen, und selbstverständlich kann ein solcher Hund genau die richtige Entscheidung sein.

Aber muss dafür eigentlich die andere Möglichkeit zur schlechteren erklärt werden?

Aktueller Anlass ist ein Social-Media-Beitrag von VIER PFOTEN. Beim Züchter sollen Interessenten Gesundheitsnachweise und genetische Tests verlangen – gleichzeitig wird die Adoption aus dem lokalen Tierschutz als „beste Option“ bezeichnet.

Moment.

Wenn Gesundheit, Genetik und Herkunft so wichtig sind: Warum soll ausgerechnet die Variante pauschal die beste sein, bei der genau diese Informationen durchaus fehlen können?

Adopt don’t shop – Tierschutz und Züchter-Bashing

„Adopt“ klingt natürlich schöner

Schon der Slogan ist rechtlich etwas kreativer, als er klingt.

Einen Hund „adoptiert“ man in Deutschland schließlich nicht im familienrechtlichen Sinne. Im Tierschutz wird ein Hund aufgrund eines Vermittlungs- oder Schutzvertrags überlassen, häufig gegen eine sogenannte Schutzgebühr.

Wie ein solcher Vertrag rechtlich einzuordnen ist, hängt von seiner konkreten Ausgestaltung ab. Ein Schutzvertrag ist nicht allein deshalb ein Kaufvertrag, weil für den Hund eine Schutzgebühr gezahlt wird.

„Adopt, don’t shop“ klingt natürlich trotzdem deutlich besser als:

„Übernimm deinen Hund dort und nicht dort.“

Für eine Kampagne wäre das vermutlich etwas sperrig.

Für Gesundheit, Genetik oder Herkunft des Hundes macht die Bezeichnung ohnehin keinen Unterschied. „Adoption“ ist kein biologisches Gütesiegel.

Beim Züchter bitte einmal die komplette Akte

Wer einen Hund beim Züchter kauft, soll kritisch nachfragen.

Grundsätzlich: sehr gerne.

Verantwortungsvolle Rassehundezucht arbeitet mit dokumentierter Abstammung und – je nach Rasse – unterschiedlichen Gesundheitsuntersuchungen und Gentests. Untersuchungsergebnisse der Elterntiere können nachvollzogen, Verwandtschaften berücksichtigt und bekannte gesundheitliche Auffälligkeiten innerhalb einer Familie beobachtet werden.

Natürlich garantiert weder eine Ahnentafel noch ein Gentest einen gesunden Hund.

Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe.

Sie liefern Informationen.

Eine Ahnentafel dokumentiert Abstammung. Gesundheitsuntersuchungen liefern Befunde. Geeignete Gentests können bestimmte genetische Varianten nachweisen.

Wer solche Informationen beim Züchter verlangt, macht also etwas ausgesprochen Sinnvolles.

Merkwürdig wird es erst, wenn diese Transparenz zum wichtigen Qualitätskriterium erklärt wird – der Erwerb eines entsprechend dokumentierten Hundes aber gleichzeitig schon aufgrund seines Vermittlungsweges als weniger empfehlenswert erscheint.

Adopt – und dann?

Beim Tierschutzhund kann die Vorgeschichte ebenfalls hervorragend dokumentiert sein.

Sie kann aber auch weitgehend unbekannt sein.

Eltern unbekannt. Herkunft unbekannt. Aufzucht unbekannt. Gesundheit der Vorfahren unbekannt. Genetische Risiken unbekannt.

Das macht diesen Hund weder schlechter noch automatisch ungesund.

Es bedeutet schlicht:

Wir wissen es nicht.

Und „nicht bekannt“ ist etwas anderes als „nicht vorhanden“.

Ein Hund kann kerngesund sein, obwohl niemand seine Eltern kennt. Genauso kann ein Hund aus dokumentierter Zucht erkranken, obwohl seine Eltern untersucht wurden.

Es geht also nicht um eine Gesundheitsgarantie, sondern um verfügbare Informationen.

Auch Mischlinge haben Eltern

Ein Mischling ist kein genetischer Neustart.

Auch er erbt sein Genom von seinen Eltern und kann genetische Varianten tragen, die Erkrankungen verursachen oder Risiken erhöhen.

Sind seine Vorfahren unbekannt, lassen sich entsprechende Risiken möglicherweise schwieriger einschätzen.

Ein unbekannter Stammbaum ist deshalb kein Gesundheitsnachweis.

Eine Ahnentafel übrigens auch nicht.

Sie liefert aber Informationen über Abstammung, die bei unbekannter Herkunft schlicht fehlen.

Gene interessieren sich erstaunlich wenig dafür, ob auf dem Übergabevertrag „Züchter“, „Tierheim“ oder „Tierschutzverein“ steht.

Auch der Vermittlungsweg erzählt nicht die ganze Geschichte

Besonders deutlich wird das bei Hunden aus illegalem Handel.

Solche Hunde können beschlagnahmt werden und anschließend im Tierschutz landen.

Selbstverständlich brauchen auch diese Hunde ein gutes Zuhause.

Aber mit dem Wechsel in den Tierschutz ändert sich nicht rückwirkend ihre Herkunft.

Aus unbekannten Elterntieren werden keine untersuchten Elterntiere. Aus einer unbekannten Aufzucht wird keine dokumentierte Aufzucht. Und aus fehlenden Informationen entsteht keine Gesundheitsgeschichte.

Der Vermittlungsweg hat sich geändert.

Die Vorgeschichte des Hundes nicht.

„Tierschutzhund“ beschreibt deshalb zunächst, wie ein Hund vermittelt wird – nicht, wie er entstanden ist.

Gesundheit ist kein Herkunftssiegel

„Vom Züchter“ bedeutet nicht automatisch gesund.

„Aus dem Tierschutz“ ebenso wenig.

Es gibt verantwortungsvolle und unverantwortliche Zucht. Es gibt Tierschutzhunde mit gut dokumentierter Vorgeschichte und solche, über deren Vergangenheit kaum etwas bekannt ist.

Natürlich können Tierheime und Tierschutzorganisationen ihre Hunde tierärztlich untersuchen, behandeln und diagnostisch abklären lassen.

Eine Untersuchung des einzelnen Hundes ersetzt aber nicht automatisch Informationen über seine Abstammung und die Gesundheit seiner Vorfahren.

Das sind unterschiedliche Informationen.

Und genau deshalb taugt der Vermittlungsweg nicht als pauschales Qualitätssiegel.

Es geht nicht um Züchter gegen Tierschutz

Ein Tierschutzhund kann eine großartige Entscheidung sein.

Ein verantwortungsvoll gezüchteter Hund ebenfalls.

Das eine muss nicht schlecht sein, damit das andere gut sein kann.

Genau das geht bei „Adopt, don’t shop“ schnell verloren. Denn der Slogan wirbt nicht einfach für Tierschutz. Mit „don’t shop“ erklärt er gleichzeitig, welche Entscheidung man besser nicht treffen sollte.

Besonders schief wird diese moralische Rangfolge, wenn beim Züchter gleichzeitig Gesundheitsuntersuchungen, Gentests und transparente Abstammung eingefordert werden.

Natürlich darf und sollte man all das verlangen.

Nur sollte man dann auch anerkennen, dass diese Informationen einen Wert haben.

Beim Züchter Transparenz verlangen und gleichzeitig einen Vermittlungsweg, bei dem dieselben Informationen durchaus fehlen können, pauschal zur „besten Option“ erklären?

Ein bemerkenswert flexibler Maßstab.

Tierschutz braucht keine Abwertung verantwortungsvoller Zucht, um sinnvoll zu sein.

Vielleicht lieber: Know before you choose

Vielleicht braucht es deshalb gar kein „Adopt, don’t shop“.

Informiert euch, bevor ein Hund einzieht.

Fragt nach Gesundheit und Herkunft. Schaut euch vorhandene Untersuchungsergebnisse an. Informiert euch über bekannte Risiken. Und akzeptiert auch, wenn bei einem Hund bestimmte Dinge schlicht nicht bekannt sind.

Dann kann die Entscheidung auf das gestützt werden, was über den konkreten Hund tatsächlich bekannt ist – statt allein auf das Etikett seines Vermittlungsweges.

Ein verantwortungsvoll gezüchteter Hund kann eine gute Entscheidung sein.

Ein Tierschutzhund ebenfalls.

Nur sollte aus „Adopt“ nicht automatisch „Züchter schlecht“ werden – und aus „unbekannt“ nicht plötzlich „unproblematisch“.

Wenn Gesundheit, Herkunft und Transparenz der Maßstab sein sollen, dann bitte konsequent.

Beim Züchter.

Beim Tierschutz.

Und überall dazwischen.

Die Gene machen da keinen Unterschied.

Quellen