Art, Rasse oder Varietät?

Wie Naturforscher Nackthunde einordneten: Buffons Beschreibung des Xoloitzcuintli zeigt, warum Art, Rasse und Varietät nicht dasselbe bedeuten.

Illustration zu Naturgeschichte und Wissenschaft mit einem Nackthund sowie historischen naturkundlichen Darstellungen

Worüber Naturforscher beim Nackthund stritten

Nackthunde stellten nicht nur moderne Zuchtdebatten vor Fragen. Auch Naturforscher vergangener Jahrhunderte mussten zunächst entscheiden, was sie da eigentlich vor sich hatten: eine eigene Art, eine Rasse, eine Varietät – oder schlicht einen ungewöhnlichen Hund ohne Fell?

Die Geschichte zeigt vor allem eines: Wissenschaftliche Einordnungen sind keine zeitlosen Wahrheiten. Sie hängen davon ab, welche Beobachtungen vorliegen, welche Begriffe verwendet werden und welche Annahmen gerade als plausibel gelten. Der Nackthund war deshalb schon früh weniger ein biologisches Rätsel als ein Prüfstein für die Ordnungsliebe der Naturgeschichte.

Was bedeuteten „Art“, „Rasse“ und „Varietät“?

Heute wirken diese Begriffe eindeutiger, als sie in historischen Texten tatsächlich waren. Eine biologische Art wird inzwischen anhand von Abstammung, Fortpflanzungsgemeinschaften und genetischer Verwandtschaft beschrieben. Bei Hunderassen geht es dagegen um vom Menschen geprägte Zuchtpopulationen mit bestimmten Merkmalen und einem festgelegten Zuchtstandard.

Historische Naturforscher verfügten jedoch weder über moderne Genetik noch über Populationsanalysen. Sie arbeiteten mit äußeren Merkmalen, Reiseberichten, Zeichnungen und Beschreibungen. Unterschiede in Körpergröße, Fell, Farbe oder Schädelform konnten deshalb schnell den Eindruck erwecken, es handle sich um grundsätzlich verschiedene Tiere.

Beim Nackthund war die auffällige Haarlosigkeit besonders verführerisch für weitreichende Schlussfolgerungen. Ein Hund ohne Fell sah anders aus als der vertraute europäische Haushund. Ob daraus eine eigene Art oder lediglich eine besondere Ausprägung innerhalb der Art Hund folgte, war damit allerdings noch lange nicht bewiesen.

Buffon und der haarlose Hund

Der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, beschäftigte sich im 18. Jahrhundert mit amerikanischen Hunden. In seinem Abschnitt „De l’Alco“ beschreibt er unter anderem einen von Fernández erwähnten Hund namens Xoloitzcuintli. Buffon schildert ihn als nackt beziehungsweise haarlos – die auffällige Besonderheit erkennt er also durchaus.

Die frühere Darstellung, Buffon habe den mexikanischen Nackthund einfach als alte amerikanische Hunderasse bestätigt, wäre jedoch zu ungenau. Seine eigene Einordnung war deutlich vorsichtiger und zugleich spekulativer: Buffon bezweifelte, dass der haarlose Hund ursprünglich aus Neuspanien stammte. Er hielt ihn vielmehr für einen sogenannten „türkischen Hund“ aus warmen Regionen der Alten Welt, der nach Amerika gelangt sein könnte.

Das war keine genetisch belegte Erkenntnis. Buffon hatte weder genetische Daten noch die Möglichkeit, historische Transportwege oder Abstammungslinien zu überprüfen. Seine Erklärung beruhte auf dem damaligen Wissensstand und auf der Annahme, dass ein so ungewöhnlicher Hund nicht zwingend unabhängig in Amerika entstanden sein müsse.

Buffon unterschied außerdem zwischen dem haarlosen Typ und weiteren amerikanischen Hunden, die er eher als bereits vor der europäischen Ankunft vorhandene Formen betrachtete. Seine Beschreibung dokumentiert damit nicht nur einen Nackthund, sondern auch die Unsicherheit der damaligen Naturgeschichte: Beobachtung und Deutung lagen eng beieinander – manchmal zu eng.

Ein auffälliges Merkmal ist noch keine eigene Art

Haarlosigkeit kann biologisch sehr auffällig sein. Sie macht ein Tier aber nicht automatisch zu einer eigenen Art. Beim Hund können einzelne genetische Varianten markante Veränderungen hervorrufen, ohne dass dadurch eine neue Tierart entsteht.

Bei mehreren Nackthunderassen ist die Haarlosigkeit mit Veränderungen im Gen FOXI3 verbunden. Die genetische Grundlage erklärt das Merkmal jedoch nicht automatisch vollständig in jeder Rasse, jeder Linie oder jedem einzelnen Hund. Außerdem sagt die Existenz einer genetisch bedingten Haarlosigkeit allein nichts darüber aus, wie alt eine heutige Rassepopulation ist oder auf welchem Weg sie entstanden ist.

Ein haarloser Hund aus einer historischen Darstellung und ein moderner Chinese Crested Dog, Xoloitzcuintle oder Perro sin pelo del Perú können deshalb zwar phänotypisch vergleichbar sein. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sie genetisch identisch sind oder ununterbrochen derselben Zuchtpopulation angehören.

Ähnliches Aussehen ist ein Hinweis, aber kein Abstammungsnachweis. Das gilt beim Nackthund genauso wie bei jeder anderen auffälligen Körperform.

Die Natur sortiert nicht nach Rassestandard

Historische Naturforscher suchten nach Ordnung. Sie wollten Tiere benennen, gruppieren und in ein überschaubares System einordnen. Das war wissenschaftlich notwendig, konnte aber auch zu überhasteten Schlüssen führen.

Der Nackthund passte schlecht in die vertrauten Kategorien. Er war eindeutig ein Hund, sah aber nicht so aus, wie viele europäische Gelehrte einen Hund erwarteten. Also wurde über Herkunft, Klima, Degeneration und besondere Abstammung spekuliert.

Aus heutiger Sicht ist die sachlichere Frage eine andere: Welche genetischen, populationsgeschichtlichen und züchterischen Daten liegen tatsächlich vor? Erst die Verbindung dieser Informationen kann klären, wie ein Merkmal entstanden ist und wie es sich in einer Population verbreitet hat.

Der Nackthund muss deshalb nicht erst beweisen, dass er in eine historische Schublade passt. Er ist ein Hund mit einer besonderen genetischen Ausprägung – und gerade deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie schnell aus einer sichtbaren Besonderheit eine große Erklärung gezimmert wird.

Was bleibt?

Buffons Text zeigt, dass der Nackthund schon früh wissenschaftlich beschrieben wurde. Er zeigt aber ebenso deutlich, dass historische Beschreibungen keine fertigen Abstammungsnachweise sind. Buffon erkannte die Haarlosigkeit des Xoloitzcuintli, bezweifelte jedoch seine amerikanische Herkunft und deutete ihn als möglicherweise eingeführten Hund.

Die moderne Wissenschaft kann diese Fragen mit Methoden untersuchen, die Buffon nicht zur Verfügung standen: Genetik, Populationsanalysen und vergleichende Forschung. Das macht historische Texte nicht wertlos. Man muss sie nur richtig lesen – als Quellen ihrer Zeit, nicht als endgültige Urteile.

Und vielleicht ist genau das die angenehmste Nachricht für den Nackthund: Er muss nicht in jeder alten Systematik perfekt aussehen. Er darf einfach ein Hund sein, der den Naturforschern schon vor Jahrhunderten gezeigt hat, dass sichtbare Unterschiede und biologische Einordnung zwei verschiedene Dinge sind.

Quellen

  • Buffon, Georges-Louis Leclerc, Comte de: „De l’Alco“, in: Œuvres complètes de Buffon, Band VI, Brüssel 1822, Abschnitt „De l’Alco“, S. 50–51. Digitalisat im Internet Archive
  • Manin, A. et al. (2018): „The FOXI3 mutation is responsible for hairlessness and dental abnormalities in the Chinese Crested Dog“. PubMed
  • OMIA: „Hypotrichosis, canine, with or without tooth abnormalities“. OMIA