Woher kommt eigentlich die Behauptung, Nackthunde hätten kein normales Immunsystem?

„Nackthunde haben ein schwaches Immunsystem.“ Dieser Satz wird in Qualzuchtdebatten gerne wiederholt, als wäre er eine bewiesene Rasseeigenschaft.

Ist er aber nicht.

Für Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass sie wegen ihrer Haarlosigkeit ein schwaches oder klinisch unzureichendes Immunsystem besitzen.

Kurz gesagt: Haarlosigkeit ist kein Beweis für Immunschwäche.

Illustration zur Behauptung, Nackthunde hätten kein normales Immunsystem

Die falsche Quelle

Schematische Darstellung einer falsch verwendeten wissenschaftlichen Quelle zur angeblichen Immunschwäche von Nackthunden

Die Spur führt unter anderem zu einer Arbeit von Goto und Kollegen aus dem Jahr 1987. Untersucht wurden darin Morphologie, Zahnauffälligkeiten und die Vererbung der Haarlosigkeit.

Was nicht untersucht wurde: die Immunfunktion. Es gab keine Antikörpermessungen, keine Infektionsdaten und keine Tests zur Funktion von T- oder B-Lymphozyten.

Trotzdem wird genau diese Arbeit im Qualzuchtgutachten von 1999 als Quelle für die Aussage genannt, Nackthunde wiesen „ähnlich wie thymuslose Nacktmäuse eine gewisse Immundefizienz“ auf.

Das ist wissenschaftlich ein ziemlich grundlegendes Problem: Eine Studie wird als Beleg für etwas angeführt, das sie überhaupt nicht untersucht hat.

Die berühmte Laborhundelinie

In den frühen 1990er-Jahren wurden tatsächlich immunologische Untersuchungen an haarlosen Hunden durchgeführt. Nur: Es waren keine repräsentativen Gruppen reinrassiger Nackthunde.

In Japan wurde für Forschungszwecke eine spezielle Hairless-Laborhundelinie aufgebaut. Ihre Zuchtgeschichte geht auf Mexikanische Nackthunde zurück; Nachkommen dieser Tiere wurden zur Etablierung und Weiterzucht der Versuchslinie wiederholt mit Beagles verpaart.

Die untersuchten Hunde waren also keine reinrassigen Nackthunde und schon gar nicht „die Nackthunde“. Es handelte sich um Tiere aus einer eigens gezüchteten Versuchslinie mit Beagle-Einkreuzung.

Aus einigen für Laborzwecke gezüchteten Hairless-Hunden mit Beagle-Anteilen lässt sich wissenschaftlich nicht seriös „das Immunsystem der Nackthunde“ ableiten. Aus einer Versuchskolonie wird keine Rassepopulation, nur weil man sie später verkürzt als „Nackthunde“ bezeichnet.

Was die Studien tatsächlich zeigten

Die Arbeiten aus den Jahren 1990 bis 1992 beschrieben bei diesen Versuchshunden teilweise geringere Reaktionen in bestimmten immunologischen Tests sowie Veränderungen am Thymus und an lymphatischen Organen.

Diese Befunde darf man nicht einfach ignorieren.

Sie zeigen jedoch zunächst nur, dass bei dieser speziellen, mit Beagles aufgebauten Laborhundelinie bestimmte immunologische Auffälligkeiten beobachtet wurden.

Sie zeigen nicht, dass reinrassige Chinese Crested, Xoloitzcuintles oder Perro sin pelo del Perú generell ein schwaches Immunsystem besitzen.

Außerdem fielen nicht alle Reaktionen in allen Tests geringer aus. Bei mehreren getesteten Stimuli bestanden keine signifikanten Unterschiede.

Die Studien waren Untersuchungen an einer speziellen Versuchspopulation – keine umfassende Gesundheitsuntersuchung heutiger Nackthunderassen.

Schematische Darstellung immunologischer Befunde bei einer speziellen Hairless-Laborhundelinie

Wie aus Versuchshunden „die Nackthunde“ wurden

Schematische Darstellung, wie Befunde aus einer speziellen Versuchshundelinie verallgemeinert auf Nackthunderassen übertragen wurden

Das Qualzuchtgutachten übertrug die Aussage später allgemein auf „Nackthunde“. Weitere Texte übernahmen diese Formulierung und ergänzten sie teilweise um eine angeblich erhöhte allgemeine Krankheitsanfälligkeit.

Doch eine wiederholte Behauptung wird nicht dadurch zu einem neuen wissenschaftlichen Beweis.

Auch wenn ein Gericht oder ein tiermedizinischer Artikel die Aussage später erneut erwähnt, bleibt die ursprüngliche Grundlage dieselbe: eine alte Quellenkette und Untersuchungen an einer speziellen Versuchslinie.

Aus mit Beagles gekreuzten Laborhunden werden dadurch weder reinrassige Xoloitzcuintles noch Chinese Crested oder Perro sin pelo del Perú.

Und aus einer Laborhundelinie wird schon gar nicht „der Nackthund“.

Was die moderne Forschung zeigt

Seit 2008 ist bekannt, dass die klassische Haarlosigkeit bei Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú mit einer Variante im Gen FOXI3 zusammenhängt.

FOXI3 ist vor allem an der Entwicklung von Haaren und Zähnen beteiligt.

Untersuchungen an Chinese Cresteds zeigten Unterschiede zwischen Hairless und Powder Puff bei den Haarfollikeln. Bestimmte Haut- und Schleimdrüsen waren bei den untersuchten Hairless-Hunden jedoch vorhanden und histologisch unauffällig.

Ein klinisch relevantes Immundefizienzsyndrom der heutigen FOXI3-Nackthunde wurde dadurch nicht nachgewiesen.

Schematische Darstellung, warum Haarlosigkeit bei Nackthunden kein Beweis für ein schwaches Immunsystem ist

Fazit

Die klare wissenschaftliche Aussage lautet:

Für Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin pelo del Perú ist ein generell schwaches Immunsystem nicht nachgewiesen.

Die vorhandenen immunologischen Befunde stammen aus einer kleinen, speziell für Forschungszwecke aufgebauten Hairless-Laborhundelinie mit Mexikanischen Nackthunden und Beagle-Einkreuzung. Sie stammen nicht aus repräsentativen Untersuchungen an reinrassigen Nackthunden.

Die Behauptung „Haarlosigkeit bedeutet Immunschwäche“ ist deshalb wissenschaftlich nicht belegt.

Ein genetisches Merkmal wie Haarlosigkeit darf nicht ohne belastbaren Nachweis zur allgemeinen Krankheitsbehauptung umgedeutet werden.

Aus einem Befund an einer speziellen Laborhundelinie wurde eine Aussage über Nackthunde insgesamt.

Genau dieser entscheidende Schritt ist nicht wissenschaftlich belegt.

Quellen

  • Goto N, Imamura K, Miura Y, Ogawa T, Hamada H (1987): The Mexican hairless dog, its morphology and inheritance. Untersucht Morphologie, Zahnauffälligkeiten und Vererbung der Haarlosigkeit; keine Untersuchung der Immunfunktion. DOI
  • Hirota Y, Koizumi N, Matsubara Y, Imamura K, Fukuta K (1990): Immunological features in hairless descendants derived from Mexican hairless dogs. Untersuchte immunologische Merkmale der experimentellen Hairless-Hunde. DOI
  • Fukuta K, Koizumi N, Imamura K, Goto N, Hamada H (1991): Microscopic observations of skin and lymphoid organs in the hairless dog derived from the Mexican hairless. Beschreibt unter anderem Thymusveränderungen und die Zuchtgeschichte der experimentellen Hairless-Linie mit Beagle-Einkreuzung. DOI
  • Koizumi N, Fukuta K (1992): Lymphocyte blastogenesis in hairless dogs following stimulation by various mitogens. Untersuchte die Lymphozytenaktivierung der Hairless-Versuchshunde. DOI
  • Kimura T, Ohshima S, Doi K (1993): The inheritance and breeding results of hairless descendants of Mexican hairless dogs. Dokumentiert die Etablierung der experimentellen Versuchshundelinie. DOI
  • Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (1999): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes. Nennt unter „Haarlosigkeit (Nackt)“ eine „gewisse Immundefizienz“ und zitiert hierfür Goto et al. 1987. Qualzuchtgutachten – PDF
  • Drögemüller C, Karlsson EK, Hytönen MK et al. (2008): A mutation in hairless dogs implicates FOXI3 in ectodermal development. Beschreibt die FOXI3-Variante bei haarlosen Hunderassen. DOI
  • Wiener DJ, Gurtner C, Panakova L et al. (2013): Clinical and histological characterization of hair coat and glandular tissue of Chinese crested dogs. Untersuchte Haarfollikel, Hautdrüsen und Schleimdrüsen bei Chinese Cresteds. DOI
  • Thieme Tiermedizin: Nackthunde und Nacktkatzen: Ohne Fell, aber mit vielen Problemen?! Übernimmt die Formulierung einer „gewissen Immundefizienz“ und nennt zusätzlich eine „generell erhöhte Krankheitsanfälligkeit“. Thieme Tiermedizin
  • Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, Beschluss vom 6. Januar 2025, 16 L 470/24. Gibt die Immundefizienz-Aussage des Qualzuchtgutachtens im Rahmen der rechtlichen Würdigung wieder. NRWE – Entscheidung