Sichtbar heißt nicht automatisch häufiger
Auf nackter Haut fällt fast alles auf: ein Pigmentfleck, ein Komedo, eine kleine Narbe, eine Kruste oder eine Unebenheit. Bei einem dicht behaarten Hund kann ein vergleichbarer Befund unter dem Fell verborgen bleiben.
Daraus entsteht schnell ein Eindruck: Bei Nackthunden sieht man so viele Hautveränderungen – also müssen sie besonders häufig Hautprobleme haben.
Genau dieser Schluss ist methodisch heikel.
Denn Häufigkeit und Sichtbarkeit sind zwei verschiedene Größen. Wenn ein Merkmal in einer Gruppe leichter entdeckt wird als in einer anderen, können die beobachteten Zahlen auseinandergehen, obwohl der tatsächliche biologische Unterschied kleiner ist – oder gar nicht existiert.
Das ist keine Besonderheit der Nackthundeforschung. Es ist ein klassisches Problem epidemiologischer Beobachtung.
Was wir sehen, ist nicht automatisch das, was häufiger vorkommt.

Fell verändert die Chance, einen Befund zu entdecken
Die Haut eines behaarten Hundes ist nicht unsichtbar. Aber sie ist im Alltag schlechter einsehbar. Wer sie vollständig beurteilen will, muss das Fell scheiteln, abtasten und einzelne Körperregionen gezielt untersuchen.
Beim Nackthund entfällt ein großer Teil dieser Barriere.
Pigmentierung gehört unmittelbar zum sichtbaren Erscheinungsbild. Kleine Krusten, Narben und Erhebungen können beim Vorbeigehen auffallen. Follikuläre Öffnungen und Komedonen sind nicht unter Fell verborgen. Auch Veränderungen können leichter über Tage hinweg verfolgt werden.
Damit unterscheiden sich Nackthund und behaarter Hund bereits vor jeder medizinischen Bewertung in einem wichtigen Punkt: Ein sichtbarer Hautbefund hat nicht dieselbe Chance, überhaupt entdeckt zu werden.
Das muss berücksichtigt werden, bevor aus Beobachtungen Aussagen über Häufigkeiten entstehen.
Was ist Detektionsbias?
In epidemiologischen Studien spricht man von Detektions- oder Erfassungsbias, wenn ein Ergebnis in den verglichenen Gruppen systematisch unterschiedlich ermittelt wird.
Ein einfaches Beispiel: 100 Nackthunde werden betrachtet und jede sichtbare Hautveränderung notiert. Bei 100 behaarten Hunden wird ebenfalls geschaut – aber das Fell nicht systematisch gescheitelt.
Die Untersuchung klingt zunächst gleich: 100 gegen 100.
Tatsächlich ist sie es nicht.
Bei den Nackthunden wurde ein großer Teil der Haut unmittelbar inspiziert. Bei den behaarten Hunden wurde ein erheblicher Teil der zu untersuchenden Oberfläche durch Fell verdeckt.
Findet man anschließend mehr kleine Hautveränderungen bei den Nackthunden, lässt sich nicht sicher sagen, ob diese tatsächlich häufiger vorhanden waren oder lediglich häufiger entdeckt wurden.
Eine größere Zahl beobachteter Befunde kann also durch die Beobachtungsmethode entstehen.
Sichtbarkeit kann schon vor einer Studie wirken
Das Problem beschränkt sich nicht auf Forschende.
Auch Halter sehen nackte Haut täglich. Eine neue Kruste oder ein dunkler Punkt kann früh auffallen und möglicherweise Anlass geben, genauer hinzusehen oder eine Tierarztpraxis aufzusuchen.
Bei einem behaarten Hund kann derselbe Befund unbemerkt bleiben, solange er weder tastbar ist noch Juckreiz, Schmerzen, Haarverlust oder andere auffällige Symptome verursacht.
Damit kann sich sogar die Wahrscheinlichkeit unterscheiden, mit der ein Hautbefund überhaupt in einer tierärztlichen Krankenakte landet.
Eine Datenbank mit tierärztlichen Diagnosen enthält schließlich nicht alle biologisch vorhandenen Veränderungen aller Hunde. Sie enthält zunächst diejenigen Erkrankungen und Befunde, die entdeckt, vorgestellt, diagnostiziert und dokumentiert wurden.
Diese Schritte können zwischen Gruppen unterschiedlich wahrscheinlich sein.
Aus Fotos wird besonders schnell scheinbare Häufigkeit
Noch problematischer sind ungeplante Bildsammlungen aus dem Internet oder sozialen Medien.
Auf einem Foto eines Nackthundes ist Haut sichtbar. Auf einem Foto eines behaarten Hundes sieht man überwiegend Haare.
Wer nun Bilder nach Pigmentflecken, Komedonen, kleinen Narben oder Unebenheiten durchsucht, vergleicht keine gleichwertigen Informationen.
Dass auf 50 Fotos von Nackthunden mehr Hautveränderungen zu erkennen sind als auf 50 Porträts behaarter Hunde, wäre für die Frage nach der tatsächlichen Prävalenz methodisch kaum aussagekräftig.
Die Haut der zweiten Gruppe wurde schließlich gar nicht vergleichbar sichtbar gemacht.
Eine große Zahl von Bildern ist noch keine epidemiologisch verwertbare Stichprobe.
Selektionsbias stellt eine andere Frage
Zur unterschiedlichen Sichtbarkeit kommt ein zweites Problem: Welche Hunde gelangen überhaupt in eine Untersuchung, Umfrage oder Fallsammlung?
Selektionsbias entsteht, wenn die untersuchte Gruppe sich systematisch von der Population unterscheidet, über die man eigentlich eine Aussage treffen möchte.
Das ist bei freiwilligen Gesundheitsumfragen besonders relevant.
Halter, die Erfahrungen mit einer Erkrankung gemacht haben, können ein größeres Interesse an einer Gesundheitsumfrage haben als Halter, bei deren Hund nie etwas Auffälliges festgestellt wurde. Ebenso können besonders gesundheitsbewusste Halter überproportional teilnehmen.
Dann beschreibt die Stichprobe möglicherweise sehr gut die teilnehmenden Hunde – aber nicht zuverlässig die gesamte Rasse.
Veterinärmedizinische Übersichten zur Hundegesundheitsüberwachung weisen genau auf solche Probleme hin: Fragebogenerhebungen können unter niedrigen Rücklaufquoten, Recall Bias und schlecht definierten Grundpopulationen leiden; freiwillige Gesundheitssysteme unterliegen ebenfalls Selektionsmechanismen.
Wer untersucht wurde, ist deshalb genauso wichtig wie das, was gefunden wurde.
Spezialkliniken liefern wiederum eine andere Auswahl
Auch klinische Daten sind nicht automatisch repräsentativ.
Eine dermatologische Überweisungsklinik sieht zwangsläufig besonders viele Hunde mit komplizierten Hautproblemen. Ihre Patientenpopulation eignet sich hervorragend, um bestimmte Erkrankungen zu untersuchen.
Sie eignet sich aber nicht ohne Weiteres, um daraus abzuleiten, wie häufig diese Erkrankungen in der gesamten Hundepopulation vorkommen.
Das nennt man unter anderem Referral Bias: Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Datenquelle aufzutauchen, hängt bereits mit der Erkrankung und ihrer Schwere zusammen.
Primärversorgung, Versicherungsdaten, freiwillige Umfragen, Rassegesundheitsprogramme und Spezialkliniken können deshalb zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ohne dass eine Datenquelle zwangsläufig „falsch“ ist.
Sie beobachten unterschiedliche Ausschnitte der Population.
Ein konkreter Befund ist trotzdem ein konkreter Befund
Bias bedeutet nicht, dass beobachtete Hautveränderungen eingebildet wären.
Bei bestimmten haarlosen Hundepopulationen sind dermatologische und histologische Befunde wissenschaftlich dokumentiert.
Wiener und Kollegen fanden beim Chinese Crested deutliche histologische Unterschiede der Haarfollikel zwischen Hairless und Powder Puffs. Kimura und Doi beschrieben und untersuchten spontane Komedonen bei haarlosen Nachkommen Mexikanischer Nackthunde.
Diese Befunde verschwinden nicht, nur weil man über Beobachtungsbias spricht.
Die methodische Grenze liegt an einer anderen Stelle.
Aus „Komedonen wurden bei diesen haarlosen Hunden nachgewiesen“ folgt nicht automatisch „Nackthunde haben häufiger Komedonen als behaarte Hunde“.
Für den zweiten Satz braucht man einen geeigneten Vergleich.
Eine große Studie kann für eine kleine Rasse trotzdem zu klein sein
Auch große Datensätze lösen das Problem nicht automatisch.
Eine britische Gesundheitsbefragung von 2017 erfasste 43.005 lebende Hunde aus 187 Rassen. Das klingt nach einer enormen Datenbasis.
Vom Chinese Crested waren jedoch nur 46 Hunde enthalten. Für die rassespezifischen Prävalenzvergleiche berücksichtigten die Autoren nur Rassen mit mindestens 200 erfassten Hunden.
Der Chinese Crested gehörte deshalb nicht zu diesen rassespezifisch ausgewerteten Gruppen. Für die verschiedenen Größen des Mexican Hairless enthielt die Tabelle überhaupt keine Hunde.
Das Beispiel zeigt, warum die Gesamtzahl einer Studie allein wenig über ihre Aussagekraft für eine seltene Rasse verrät.
43.005 Hunde sind eine große Stichprobe.
46 Chinese Crested sind eine ganz andere Datengrundlage.
Und wo ist der Powder Puff?
Beim Chinese Crested kommt ein zusätzliches methodisches Problem hinzu.
Gesundheitsdaten werden häufig unter dem Rassenamen zusammengefasst. Die Rasse umfasst aber Hairless und Powder Puffs.
Für eine Frage, die speziell mit nackter Haut oder dem FOXI3-Hairless-Phänotyp zusammenhängt, wäre es wichtig zu wissen, welche Variante untersucht wurde.
Eine gemeinsame Zahl für „Chinese Crested“ kann einen möglichen Unterschied zwischen Hairless und Powder Puff verdecken.
Gerade der inner-rassische Vergleich wäre wissenschaftlich interessant: Beide Varianten teilen einen Teil ihres genetischen Hintergrunds, unterscheiden sich aber hinsichtlich der FOXI3-Haarlosigkeitsvariante und des Haarphänotyps.
Auch dieser Vergleich wäre nicht perfekt. Er könnte aber helfen, eine rassespezifische Häufung von einem Zusammenhang mit dem Hairless-Phänotyp zu unterscheiden.
Wie verhindert man den Sichtbarkeitsvorteil?
Ein guter Vergleich müsste dafür sorgen, dass Hautbefunde in beiden Gruppen ungefähr dieselbe Chance haben, entdeckt zu werden.
Nackthunde und behaarte Vergleichshunde müssten nach demselben Protokoll untersucht werden. Bei behaarten Hunden müsste die Haut systematisch unter dem Fell inspiziert werden. Untersucher sollten dieselben Definitionen verwenden und möglichst nicht durch Erwartungen beeinflusst werden.
Außerdem müsste vorher feststehen, was überhaupt gezählt wird.
Ein einzelner nichtentzündlicher Komedo ist etwas anderes als eine bakterielle Follikulitis. Pigmentierung ist nicht dasselbe wie entzündliche Hyperpigmentierung. Eine kleine Narbe ist keine chronische Hauterkrankung.
Wer alles Sichtbare unter „Hautproblem“ zusammenfasst, erzeugt eine Zahl, deren medizinische Bedeutung unklar bleibt.
Gleiche Beobachtung ist deshalb nur ein Teil eines guten Studiendesigns. Es braucht auch gleiche diagnostische Kriterien und eine sinnvoll ausgewählte Population.
Und was wissen wir nun über Nackthunde?
Wir wissen, dass FOXI3-Haarlosigkeit mit realen Veränderungen der Haarfollikelentwicklung verbunden ist. Wir wissen, dass bestimmte Hautbefunde bei haarlosen Hunden beschrieben wurden.
Was die vorhandene Literatur nicht ausreichend liefert, sind repräsentative Vergleichsdaten, mit denen sich pauschal beziffern ließe, ob Chinese Crested Hairless, Xoloitzcuintle und Peruanische Nackthunde insgesamt häufiger dermatologisch erkranken als geeignete behaarte Vergleichshunde.
Bei der Recherche für diesen Beitrag wurde keine umfassende, repräsentative Vergleichsstudie gefunden, die diese Frage für die genannten Rassen belastbar beantwortet.
Das ist keine Entwarnung und kein Belastungsbeweis.
Es ist eine Datenlücke.
Sichtbar heißt nicht automatisch häufiger
Nackte Haut hat einen entscheidenden Vorteil für die Beobachtung: Man kann sie sehen.
Genau dieser Vorteil kann zum methodischen Problem werden, sobald aus sichtbaren Einzelbefunden Aussagen über Krankheitsraten entstehen.
Ein Befund kann bei Nackthunden tatsächlich häufiger vorkommen. Er kann lediglich häufiger entdeckt werden. Beides kann gleichzeitig eine Rolle spielen. Ohne geeignetes Studiendesign lassen sich diese Möglichkeiten nicht sauber voneinander trennen.
Hinzu kommt Selektionsbias: Wer an einer Umfrage teilnimmt, in einer Klinik vorgestellt wird oder in einer Fallsammlung landet, bestimmt mit, welche Wirklichkeit eine Datenquelle abbildet.
Deshalb ist der Satz „Bei Nackthunden sieht man häufig Hautprobleme“ wissenschaftlich viel weniger eindeutig, als er klingt.
Das erste Wort, das man dabei prüfen sollte, ist nicht „Hautprobleme“.
Sondern „sieht“.
Quellen
- O’Neill DG, Church DB, McGreevy PD, Thomson PC, Brodbelt DC (2014): Approaches to canine health surveillance. Canine Genetics and Epidemiology 1:2. Volltext
- Vandenbroucke JP et al. (2007): Strengthening the Reporting of Observational Studies in Epidemiology (STROBE): Explanation and Elaboration. PLoS Medicine 4(10):e297. Volltext
- Wiles BM, Llewellyn-Zaidi AM, Evans KM, O’Neill DG, Lewis TW (2017): Large-scale survey to estimate the prevalence of disorders for 192 Kennel Club registered breeds. Canine Genetics and Epidemiology 4:8. Volltext
- Wiener DJ, Gurtner C, Panakova L et al. (2013): Clinical and histological characterization of hair coat and glandular tissue of Chinese crested dogs. Veterinary Dermatology 24(2):274–e62. PubMed
- Kimura T, Doi K (1996): Spontaneous comedones on the skin of hairless descendants of Mexican hairless dogs. Experimental Animals 45(4):377–384. Volltext