FOXI3 oder SGK3 – Nackthund ist genetisch nicht gleich Nackthund

Chinese Crested, Xoloitzcuintle, Perro sin Pelo del Perú und American Hairless Terrier gelten alle als „nackte“ Hunderassen. Die genetische Forschung zeigt jedoch: Hinter der gemeinsamen Haarlosigkeit stehen unterschiedliche Gene, unterschiedliche Erbgänge und unterschiedliche Begleiterscheinungen.

FOXI3 oder SGK3 – genetische Unterschiede bei Nackthunden

Zwei nackte Hunde, zwei unterschiedliche Ursachen

Nackthunderassen wie der Chinese Crested, der Xoloitzcuintle, der Perro sin Pelo del Perú und der American Hairless Terrier teilen ein auffälliges äußeres Merkmal: die weitgehende Haarlosigkeit. Auf den ersten Blick liegt daher die Annahme nahe, dass hinter diesem gemeinsamen Erscheinungsbild auch eine gemeinsame genetische Ursache steckt. Tatsächlich zeigt die Forschung ein anderes Bild: Zwei Hunde können beide haarlos sein und trotzdem unterschiedliche genetische Ursachen, Erbgänge und Entwicklungsmechanismen hinter diesem Erscheinungsbild besitzen. Dieser Beitrag baut auf der Einordnung „Haarlos ist nicht gleich haarlos“ auf und vertieft sie um die genetische Ebene.

Phänotyp und genetische Ursache – warum ein Merkmal nicht immer eine Erklärung ist

In der Genetik wird zwischen dem sichtbaren Erscheinungsbild eines Lebewesens – dem Phänotyp – und der zugrunde liegenden genetischen Ausstattung unterschieden. Haarlosigkeit ist zunächst nur eine Beschreibung dessen, was sichtbar ist: ein Hund mit stark reduzierter Behaarung. Welche genetische Veränderung dazu führt, ist damit noch nicht gesagt. Verschiedene Gene können unabhängig voneinander zu einem ähnlichen äußeren Bild führen, wenn sie an vergleichbaren biologischen Prozessen wie der Entwicklung der Haarfollikel beteiligt sind. Bei Nackthunden sind bislang vor allem zwei solcher Gene beschrieben: FOXI3 und SGK3.

FOXI3 – das Gen hinter Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin Pelo del Perú

Bei Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Perro sin Pelo del Perú wurde die Haarlosigkeit auf eine Variante im FOXI3-Gen zurückgeführt (Drögemüller et al., 2008). FOXI3 ist an der Entwicklung von Haarfollikeln und Zähnen beteiligt. Die beschriebene Variante ist eine Duplikation von sieben Basenpaaren im ersten Exon des Gens, die zu einer Leserasterverschiebung führt. Alle drei genannten Rassen tragen dieselbe Mutation – ein Hinweis darauf, dass die haarlose Form ursprünglich einmal entstanden ist und sich über gemeinsame Abstammungslinien in den heute getrennten Rassen verbreitet hat.

Wie die FOXI3-Variante vererbt wird

Die FOXI3-Variante wird semidominant vererbt. Das bedeutet: Bereits eine Kopie der veränderten Genvariante (heterozygoter Zustand) reicht aus, damit ein Hund haarlos zur Welt kommt. Hunde ohne die Variante sind vollständig behaart. Ein Zustand, in dem beide Genkopien die Variante tragen (homozygot), wurde bei lebend geborenen Hunden bislang nicht beobachtet. In der Fachliteratur wird davon ausgegangen, dass dieser Zustand vermutlich bereits vor der Geburt zum Verlust der Embryonen führt – belegt ist dies nicht durch direkte Beobachtung, sondern durch das durchgängige Fehlen homozygoter Tiere in untersuchten Populationen. Dieser Unterschied zwischen Beobachtung und Schlussfolgerung ist für eine sachlich korrekte Einordnung wichtig.

FOXI3 und Zähne – ein doppelter Effekt desselben Gens

Da FOXI3 sowohl an der Haar- als auch an der Zahnentwicklung beteiligt ist, geht die Genvariante bei den betroffenen Rassen regelmäßig mit Besonderheiten der Zahnausstattung einher (Kupczik et al., 2017). Beschrieben sind unter anderem das Fehlen bleibender Eckzähne, Vorbackenzähne und teilweise Schneidezähne sowie veränderte Höckerformen einzelner Backenzähne. Diese Kopplung ist entwicklungsbiologisch erklärbar, da dasselbe Gen beide Gewebe steuert. Der Beitrag „FOXI3 verändert Haare und Zähne – aber was bedeutet das für die Gesundheit?“ ordnet diese Zahnbesonderheiten ausführlicher ein; an dieser Stelle ist vor allem relevant, dass sich diese doppelte Wirkung ursächlich auf ein einziges Gen zurückführen lässt.

Powder Puff und Co. – behaarte Varianten in denselben Rassen

Innerhalb der FOXI3-Rassen kommen regelmäßig auch behaarte Hunde vor – bekannt etwa als Powder Puff beim Chinese Crested. Diese Hunde gehören genetisch zur selben Population und Rasse. Da die FOXI3-Variante semidominant wirkt, entstehen behaarte Welpen dann, wenn ein Hund keine Kopie der Variante trägt. Die Kombination aus haarlosen und behaarten Wurfgeschwistern ist damit eine unmittelbare Folge des beschriebenen Erbgangs und kein Widerspruch.

SGK3 – ein anderes Gen, ein anderer Mechanismus

Beim American Hairless Terrier liegt der Haarlosigkeit eine vollständig andere genetische Ursache zugrunde. Parker et al. (2017) identifizierten eine Variante im Gen SGK3 als verantwortlich für den haarlosen Phänotyp dieser Rasse. Die beschriebene Variante ist eine Deletion von vier Basenpaaren im vierten Exon, die ebenfalls zu einer Leserasterverschiebung führt. SGK3 spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Erhaltung der Haarfollikel nach der Geburt. Es handelt sich nicht um eine Variante des FOXI3-Gens, sondern um eine eigenständige genetische Ursache.

Wie die SGK3-Variante vererbt wird

Anders als die FOXI3-Variante wird die SGK3-Variante autosomal-rezessiv vererbt. Ein haarloser Phänotyp entsteht nur, wenn ein Hund die Variante von beiden Elterntieren erbt (homozygoter Zustand). Hunde mit nur einer Kopie der Variante (heterozygote Träger) sind normal behaart und äußerlich nicht von Hunden ohne die Variante zu unterscheiden. Dieser Erbgang unterscheidet sich grundlegend vom semidominanten Muster bei FOXI3.

SGK3 und Zähne – was die Studienlage zeigt

Für den American Hairless Terrier ist in der verfügbaren Primärliteratur zur SGK3-Variante (Parker et al., 2017) kein vergleichbarer Zahnphänotyp beschrieben, wie er für FOXI3-Rassen dokumentiert ist. Die Publikation berichtet keine mit der Haarlosigkeit gekoppelten Zahnbesonderheiten. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine ebenso gezielte zahnmedizinische Untersuchung der Rasse stattgefunden hat wie bei den FOXI3-Rassen – es lässt sich lediglich festhalten, dass die bislang veröffentlichte genetische Literatur keinen entsprechenden Befund liefert. Die bislang vorliegenden Befunde rechtfertigen daher keine Übertragung des für FOXI3-Rassen beschriebenen Zahnphänotyps auf den American Hairless Terrier.

Zwei Wege zu einem ähnlichen äußeren Bild

FOXI3 und SGK3 zeigen exemplarisch, wie unterschiedliche genetische Veränderungen zu einem ähnlichen äußeren Erscheinungsbild führen können. Beide Gene sind an der Haarfollikelentwicklung beteiligt, wirken aber an unterschiedlichen Stellen und mit unterschiedlichen Konsequenzen für andere Körpermerkmale wie die Zähne. Die Haarlosigkeit selbst ist damit kein einheitliches genetisches Merkmal, sondern das sichtbare Ergebnis unterschiedlicher zugrunde liegender Mechanismen.

Scottish Deerhound – gleiches Gen, andere Mutation

Ein weiteres Beispiel zeigt, dass selbst innerhalb desselben Gens unterschiedliche Mutationen auftreten können: Beim Scottish Deerhound wurde ebenfalls eine haarlose Variante mit einer Veränderung im Gen SGK3 in Verbindung gebracht (Parker et al., 2020). Die zugrunde liegende Mutation unterscheidet sich jedoch von der beim American Hairless Terrier beschriebenen: Es handelt sich um eine Insertion eines Basenpaares im zweiten Exon, ebenfalls rezessiv vererbt. „Gleiches Gen“ bedeutet also nicht zwangsläufig „gleiche Mutation“ – auch innerhalb eines einzelnen Gens können verschiedene Veränderungen unabhängig voneinander entstehen.

Was das für Züchter und Halter bedeutet

Die Unterscheidung zwischen FOXI3 und SGK3 ist mehr als ein akademisches Detail. Erkenntnisse, Risikoeinschätzungen oder Zuchtempfehlungen, die für eine FOXI3-Rasse gelten, lassen sich nicht automatisch auf eine SGK3-Rasse übertragen – und umgekehrt. Wer die genetische Grundlage der Haarlosigkeit seiner Rasse kennt, kann Zuchtentscheidungen und gesundheitliche Vorsorge gezielter einordnen, statt sich an einem allgemeinen Bild „der Nackthunde“ zu orientieren.

Kein „besser“ oder „schlechter“ – nur unterschiedlich

Aus den beschriebenen genetischen Unterschieden lässt sich keine pauschale Wertung oder Rangfolge ableiten. Allein aus dem beteiligten Gen kann nicht geschlossen werden, eine Rasse sei gesundheitlich grundsätzlich stärker oder geringer belastet. Dafür wären vergleichende Gesundheitsdaten erforderlich, die hier nicht vorliegen.

Was noch offen ist

Die genetische Ursache des Haarlosigkeitsphänotyps ist bei den genannten Rassen vergleichsweise gut untersucht. Offene Fragen betreffen unter anderem das genaue Ausmaß möglicher weiterer Effekte der beteiligten Gene sowie mögliche zusätzliche, bislang nicht identifizierte genetische Faktoren bei anderen haarlosen Rassen oder Linien. Weitere Forschung kann dieses Bild in Zukunft ergänzen oder präzisieren.

Einordnung

Haarlosigkeit bei Hunden ist kein einheitliches genetisches Merkmal, sondern das sichtbare Ergebnis unterschiedlicher zugrunde liegender Ursachen. FOXI3 und SGK3 zeigen, dass ähnliche äußere Erscheinungsbilder auf verschiedenen genetischen Wegen entstehen können – mit jeweils eigenen Erbgängen und Begleiterscheinungen. Für eine sachliche Einordnung von Zucht, Gesundheit und Rassebeschreibung ist es wichtig, diese Unterschiede zu kennen, statt „den Nackthund“ als genetisch einheitliches Konzept zu behandeln.

Stand dieser Einordnung: September 2026.

Quellen

  • Drögemüller, C., Karlsson, E. K., Hytönen, M. K., Perloski, M., Dolf, G., Sainio, K., Lohi, H., Lindblad-Toh, K., & Leeb, T. (2008). A mutation in hairless dogs implicates FOXI3 in ectodermal development. Science, 321(5895), 1462. doi.org/10.1126/science.1162525
  • Kupczik, K., Cagan, A., Brauer, S., & Fischer, M. S. (2017). The dental phenotype of hairless dogs with FOXI3 haploinsufficiency. Scientific Reports, 7(1), 5459. doi.org/10.1038/s41598-017-05764-5
  • Parker, H. G., Harris, A., Dreger, D. L., Davis, B. W., & Ostrander, E. A. (2017). The bald and the beautiful: hairlessness in domestic dog breeds. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 372(1713), 20150488. doi.org/10.1098/rstb.2015.0488
  • Parker, H. G., Whitaker, D. T., Harris, A. C., & Ostrander, E. A. (2020). Whole genome analysis of a single Scottish Deerhound dog family provides independent corroboration that a SGK3 coding variant leads to hairlessness. G3 (Bethesda), 10(1), 293–297. doi.org/10.1534/g3.119.400885