Dem Hund fehlen Zähne – aber warum?
„Dem Hund fehlen Zähne.“ Der Satz klingt eindeutig. Medizinisch und biologisch ist er es nicht.
Denn ein Zahn, der gar nicht erst angelegt wurde, ist etwas anderes als ein Zahn, der angelegt ist, aber nicht durchbricht. Und beides unterscheidet sich grundlegend von einem Zahn, der vorhanden war und später verloren oder gezogen wurde.
Gerade bei den klassischen FOXI3-Nackthunden – Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Peruanischem Nackthund – ist diese Unterscheidung wichtig. Veränderungen der Zahnentwicklung gehören bei ihnen zum genetisch mit der Haarlosigkeit verbundenen Phänotyp.
Wer lediglich Zähne zählt, sieht deshalb nur das Ergebnis.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viele Zähne fehlen? Sondern: Warum fehlen sie?

Nicht angelegt, nicht durchgebrochen oder verloren?
Wenn im Gebiss eines Hundes ein Zahn nicht zu sehen ist, kommen unterschiedliche Ursachen infrage:
- Nicht angelegt: Der Zahn ist entwicklungsbedingt überhaupt nicht entstanden.
- Nicht durchgebrochen: Der Zahn wurde angelegt, befindet sich aber im Kiefer und ist nicht regulär durchgebrochen.
- Verloren: Der Zahn war vorhanden und ging später verloren – beispielsweise infolge einer Erkrankung oder eines Traumas.
- Extrahiert: Der Zahn wurde tierärztlich entfernt.
- Parodontal erkrankt: Der Zahn ist oder war vorhanden, sein Zahnhalteapparat ist jedoch erkrankt. Im fortgeschrittenen Stadium kann dies zum Zahnverlust führen.
Im Alltag kann das Ergebnis identisch aussehen:
Da ist kein Zahn.
Gesundheitlich erzählen diese Befunde aber vollkommen unterschiedliche Geschichten.
Bei Nackthunden beginnt die Geschichte während der Entwicklung
2008 identifizierten Drögemüller und Mitarbeiter eine Mutation im Gen FOXI3, die mit dem haarlosen Phänotyp von Chinese Crested, Xoloitzcuintle und Peruanischem Nackthund verbunden ist. FOXI3 spielt bei der ektodermalen Entwicklung und damit auch bei Haaren und Zähnen eine Rolle.
Haarlosigkeit und bestimmte Zahnmerkmale sind damit nicht zwei zufällig nebeneinander auftretende Eigenschaften. Sie haben eine gemeinsame entwicklungsbiologische Grundlage.
Das ist entscheidend für die Einordnung:
Wenn ein bleibender Zahn entwicklungsbedingt gar nicht entsteht, handelt es sich nicht um Zahnverlust.
Der Hund hatte diesen bleibenden Zahn nicht und hat ihn folglich auch nicht durch eine Erkrankung „verloren“.
Der Zahnphänotyp wurde genauer untersucht
2017 untersuchten Kupczik und Mitarbeiter den Zahnphänotyp FOXI3-assoziiert haarloser Hunde detaillierter.
Untersucht wurde historisches Schädelmaterial von 14 Hunden, darunter haarlose und behaarte Tiere. Mithilfe hochauflösender Mikro-CT-Aufnahmen konnten unter anderem vorhandene und fehlende Zähne sowie deren Morphologie genauer beurteilt werden.
Bei den haarlosen Hunden fehlten insbesondere bleibende Eckzähne und Prämolaren sowie teilweise Schneidezähne. Gleichzeitig waren bei der Mehrzahl der untersuchten haarlosen Hunde vollständig entwickelte Milcheckzähne und Milchprämolaren erhalten geblieben. (Kupczik et al. 2017)
Das beschreibt einen Entwicklungsphänotyp – keinen nachträglichen Verlust zuvor vorhandener bleibender Zähne.
Zahnagenesie ist kein Zahnverlust
Wenn ein bleibender Zahn entwicklungsbedingt nicht angelegt wurde, spricht man von Zahnagenesie.
Vergleichen wir zwei Hunde:
Bei Hund A ist ein bestimmter bleibender Prämolar entwicklungsbedingt nicht vorhanden.
Bei Hund B war derselbe Prämolar vollständig ausgebildet, wurde durch eine Erkrankung des Zahnhalteapparates locker und ging schließlich verloren.
Bei beiden kann anschließend festgestellt werden:
„Der Zahn fehlt.“
Die gesundheitliche Bedeutung könnte unterschiedlicher kaum sein.
Ein fehlender Zahn beschreibt zunächst einen Zustand. Seine Ursache beschreibt die Gesundheit.
Nicht sichtbar bedeutet nicht automatisch nicht angelegt
Auch ein nicht durchgebrochener Zahn ist von einer Zahnagenesie zu unterscheiden.
Von außen ist der Zahn nicht sichtbar, kann sich aber dennoch im Kiefer befinden.
Je nach Fragestellung kann deshalb bildgebende Diagnostik erforderlich sein, um zwischen einem nicht angelegten und einem vorhandenen, aber nicht durchgebrochenen Zahn zu unterscheiden.
Gerade wenn aus dem Zahnstatus gesundheitliche oder züchterische Schlussfolgerungen gezogen werden sollen, ist diese Unterscheidung wesentlich.
Auch Nackthunde können Zähne verlieren
Die FOXI3-bedingte Zahnentwicklung erklärt selbstverständlich nicht jede Zahnlücke eines Nackthundes.
Auch ein Nackthund kann eine Parodontalerkrankung entwickeln, einen Zahn durch ein Trauma verlieren oder aus medizinischen Gründen einen Zahn extrahiert bekommen.
Genetisch bedingte Zahnentwicklung und erworbene Zahnerkrankung können beim selben Tier sogar nebeneinander vorkommen.
Deshalb gilt auch umgekehrt:
FOXI3 erklärt nicht automatisch jeden fehlenden Zahn eines Nackthundes.
Die Ursache muss festgestellt werden.
FOXI3 verändert nicht nur die Zahl der Zähne
Die Studie von 2017 zeigte außerdem charakteristische Veränderungen der Zahnform.
Bei FOXI3-assoziiert haarlosen Hunden waren bestimmte Höcker der Molaren und Milchprämolaren nicht oder verändert ausgebildet. Auch die Wurzelmorphologie konnte verändert sein. Die Autoren brachten diese charakteristischen Veränderungen mit der FOXI3-Haploinsuffizienz in Verbindung. (Kupczik et al. 2017)
Der Zahnphänotyp besteht also nicht einfach darin, dass „ein paar Zähne fehlen“.
Betroffen sein können unter anderem:
- die Entstehung bestimmter bleibender Zähne,
- die Form der Zahnkrone,
- die Ausbildung einzelner Zahnhöcker,
- die Wurzelmorphologie,
- das Verhältnis zwischen Milch- und bleibendem Gebiss.
FOXI3 beeinflusst die Zahnentwicklung – nicht lediglich die Zahnzahl.
Zahnanomalie ist nicht automatisch Zahnerkrankung
Damit kommt eine weitere wichtige Unterscheidung hinzu.
Eine Entwicklungsanomalie ist nicht automatisch eine erworbene Erkrankung.
Das bedeutet nicht, dass jede Entwicklungsanomalie gesundheitlich bedeutungslos wäre. Je nach Art und Ausprägung kann sie funktionelle oder medizinische Konsequenzen haben.
Diese müssen aber konkret festgestellt werden.
Ein entwicklungsbedingt nicht vorhandener Zahn ist nicht dasselbe wie ein schmerzhafter Zahn.
Eine veränderte Zahnform ist nicht automatisch eine Entzündung.
Eine reduzierte Zahnzahl ist nicht automatisch eine Parodontitis.
Und eine Zahnlücke beweist nicht, dass ein Hund irgendwann einen Zahn aufgrund einer Erkrankung verloren hat.
Anatomische Abweichung, funktionelle Beeinträchtigung und Erkrankung sind unterschiedliche Ebenen.
Was eine Zahnzahl nicht verrät
Die Feststellung
„Diesem Hund fehlen acht Zähne“
sagt deshalb zunächst erstaunlich wenig über seinen Gesundheitszustand aus.
Ohne weitere Untersuchung wissen wir nicht, ob diese Zähne angelegt waren, nicht durchgebrochen sind, extrahiert wurden oder durch Trauma beziehungsweise Erkrankung verloren gingen.
Wir wissen damit auch noch nicht, ob Schmerzen, Entzündungen oder funktionelle Einschränkungen bestehen.
Die Zahl beschreibt zunächst den Zahnstatus.
Sie erklärt nicht dessen Ursache.
Und sie beantwortet nicht automatisch die Frage nach einer gesundheitlichen Beeinträchtigung.
Gerade bei FOXI3-Nackthunden muss genauer hingesehen werden
Die Zahnveränderungen der FOXI3-Nackthunde sind wissenschaftlich dokumentiert. Sie gehören zum charakteristischen Phänotyp.
Das darf weder kleingeredet noch pauschal mit einer erworbenen Zahnerkrankung gleichgesetzt werden.
Die entscheidende Frage lautet:
Welche konkrete Veränderung liegt vor – und welche konkrete gesundheitliche Auswirkung hat sie auf das betreffende Tier?
Erst dann lässt sich ein Befund sinnvoll einordnen.
Denn aus
„Bei diesem Hund ist ein Zahn nicht vorhanden“
folgt nicht automatisch
„Dieser Hund hat einen Zahn verloren“
und daraus wiederum nicht
„Dieser Hund hat eine Zahnerkrankung.“
Das sind drei unterschiedliche Aussagen.
„Dem Hund fehlen Zähne“ reicht nicht
„Fehlende Zähne“ können bedeuten:
nicht angelegt, nicht durchgebrochen, verloren oder extrahiert.
Bei FOXI3-Nackthunden kommt eine wissenschaftlich dokumentierte Besonderheit der Zahnentwicklung hinzu.
Deshalb sollte gerade hier präzise formuliert werden:
Zahnagenesie ist kein Zahnverlust.
Zahnverlust ist keine Zahnagenesie.
Eine Zahnanomalie ist nicht automatisch eine Zahnerkrankung.
Und:
Eine Zahnlücke ist noch keine Diagnose.
Wer die gesundheitliche Bedeutung beurteilen will, muss deshalb mehr wissen als die Anzahl der sichtbaren Zähne.
Er muss wissen, warum sie fehlen.