Wie erkennt man einen Nackthund in der Archäologie überhaupt?
Wie lassen sich alte Nackthunde archäologisch erkennen? Zähne, Knochen, Keramiken und DNA liefern wichtige Hinweise – auch wenn ein alter Hund keinen modernen Rasseausweis mit ins Grab genommen hat.
Ein alter Hundeknochen wird ausgegraben – und schon beginnt das Rätselraten:
War das ein Xolo? Ein anderer Nackthund? Oder einfach ein Hund, dessen Stammbaum leider nicht mit ins Grab gelegt wurde?
Archäologische Funde können wichtige Hinweise auf haarlose Hunde liefern. Eine eindeutige Zuordnung zu einer heutigen Rasse ist jedoch oft nicht möglich. Das bedeutet aber nicht, dass es diese Hunde nicht gab. Es bedeutet zunächst nur, dass Archäologie mit dem arbeiten muss, was die Zeit übrig gelassen hat.
Und Fell, Haut und Papiere sind dabei leider besonders unzuverlässige Zeitzeugen.

Das Fell ist meistens verschwunden
Das auffälligste Merkmal eines Nackthundes ist archäologisch zugleich eines der schwierigsten: das fehlende oder stark reduzierte Haarkleid.
Haut und Fell erhalten sich nur unter besonderen Bedingungen. Meist bleiben Knochen, Zähne, Keramik oder bildliche Darstellungen zurück. An einem gewöhnlichen Skelett lässt sich deshalb normalerweise nicht direkt erkennen, ob der Hund behaart oder haarlos war.
Archäologen müssen nach indirekten Hinweisen suchen. Das gilt übrigens nicht nur für Nackthunde. Viele Eigenschaften früher Hunde lassen sich nur aus mehreren Spuren rekonstruieren.
Die Zähne als wichtiger Hinweis
Bei der FOXI3-bedingten Haarlosigkeit treten neben dem fehlenden oder reduzierten Haarkleid häufig auch Besonderheiten an den Zähnen auf. Dazu gehören fehlende oder ungewöhnlich geformte Zähne.
Während das Fell meist verschwunden ist, können Zähne und Kiefer erhalten bleiben. Deshalb wurden archäologische Hundeskelette mit auffälligen Zahnanomalien als mögliche Hinweise auf haarlose Hunde interpretiert.
Die Studie von Manin und Kollegen untersuchte unter anderem acht Hundemandibeln aus Tizayuca in Zentralmexiko. Die Zahnanomalien passten zu einer haarlosenartigen Ausprägung. Die Tiere wurden datiert und zusätzlich genetisch untersucht. eprints.whiterose.ac.uk
Ein auffälliges Gebiss ist allerdings kein magischer Rasse-Stempel. Fehlende Zähne können verschiedene Ursachen haben – etwa genetische Besonderheiten, Verletzungen oder Erkrankungen.
Es handelt sich also um einen wichtigen Hinweis, aber nicht um einen endgültigen Beweis.
Ein Gebiss ist kein moderner Rasseausweis
Eine häufige Fehlerquelle besteht darin, ein einzelnes Merkmal direkt mit einer heutigen Rasse gleichzusetzen.
Der heutige Xoloitzcuintle ist das Ergebnis einer langen Geschichte. Die moderne Rasse mit ihren Standards und Zuchtstrukturen ist jedoch nicht automatisch mit jeder früheren Population identisch.
Ein haarloser Hund aus einer früheren Zeit war deshalb nicht zwingend derselbe „Rassehund“, den wir heute im Zuchtbuch finden. Er konnte aber sehr wohl ein eigenständiger haarloser Hundetyp gewesen sein.
Beides lässt sich gleichzeitig sagen:
- Die direkte Linie zu jedem heutigen Xolo ist nicht in jedem Detail beweisbar.
- Und daraus folgt nicht, dass historische Nackthunde eine moderne Erfindung sind.
Die Autoren der Tizayuca-Studie sprechen deshalb vorsichtig von einer haarlosenartigen Ausprägung. Die genetische Verbindung zwischen archäologischen Hunden und heutigen haarlosen Rassen ist nicht für alle Funde abschließend geklärt. eprints.whiterose.ac.uk
Der Hund muss also nicht aus der Geschichte verschwinden, nur weil seine moderne Rassebezeichnung damals noch nicht erfunden war.
Was Darstellungen zeigen können
Eine weitere wichtige Quelle sind Keramiken und andere bildliche Darstellungen. In Mesoamerika wurden Hunde auf Gefäßen und Figuren dargestellt. Manche zeigen Tiere mit glatter oder faltiger Haut, auffälligen Ohren und einem Körper, an dem kein Fell angedeutet ist.
Solche Darstellungen zeigen, welche Merkmale Menschen ihrer Zeit wahrnahmen und für wichtig hielten.
Ein Beispiel ist ein Keramikgefäß aus dem heutigen Veracruz, das vom Metropolitan Museum of Art auf die Zeit zwischen 600 und 900 n. Chr. datiert wird. Das dargestellte Tier wird dort als einem Xoloitzcuintle ähnlich beschrieben. Genannt werden unter anderem aufgerichtete Ohren, eine lange Schnauze, Falten und ein haarlos wirkender Körper. www.metmuseum.org
„Ähnlich“ ist dabei eine sinnvolle wissenschaftliche Formulierung. Eine Keramikfigur ist schließlich keine Passaufnahme mit eingetragener Rasse.
Künstlerische Darstellungen können stilisiert sein oder symbolische Bedeutungen tragen. Trotzdem sind sie wertvolle Hinweise – besonders dann, wenn ähnliche Merkmale bei mehreren Funden wiederkehren.
Der Fundort erzählt mit
Auch der Zusammenhang eines Fundes ist entscheidend.
Wo wurde der Hund gefunden? In einer Bestattung, einer Siedlung oder einem Abfallbereich? Gibt es weitere Hunde mit ähnlichen Merkmalen? Wurde der Hund besonders behandelt oder gemeinsam mit bestimmten Beigaben bestattet?
Ein einzelner Kiefer kann eine Frage aufwerfen. Mehrere vergleichbare Funde können zeigen, dass ein bestimmter Hundetyp regelmäßig vorkam.
Bei Ausgrabungen in Tula wurden 27 Hunde aus Bestattungen untersucht. Die Forscher unterschieden drei Hundetypen: einen mittelgroßen behaarten Hund, einen ähnlich großen haarlosen Hund und einen kleineren Hund mit kürzeren Beinen. Die Ergebnisse passten außerdem zu historischen Beschreibungen aus dem 16. Jahrhundert. www.cambridge.org
Das spricht dafür, dass in Zentralmexiko unterschiedliche Hundetypen nebeneinander existierten.
Der Nackthund war damit nicht bloß ein zufälliger Sonderling. Er war Teil menschlicher Gesellschaften – und offenbar so vertraut, dass Menschen ihn darstellten, hielten und bestatteten.
DNA kann helfen
Antike DNA kann Hinweise auf Abstammung, Verwandtschaft und genetische Kontinuität liefern.
Sie kann zeigen, dass bestimmte genetische Linien über längere Zeiträume vorkamen. Sie beweist aber nicht automatisch, dass ein Tier exakt der heutigen Rasse entsprach.
Die Tizayuca-Studie zeigte bei den untersuchten Hunden mehrere genetische Linien und Hinweise auf eine zeitliche Kontinuität der Hundepopulation in der Region. Daraus lässt sich keine lückenlose Abstammung jedes heutigen Xolo ableiten. Es zeigt aber, dass die Geschichte dieser Hunde nicht erst mit modernen Zuchtbüchern begonnen hat. eprints.whiterose.ac.uk
Ein alter Fund muss kein Xolo sein, um wichtig zu sein
Wie erkennt man also einen Nackthund in der Archäologie?
Nicht an einem einzigen Merkmal.
Eine belastbare Einordnung entsteht, wenn mehrere Hinweise zusammenpassen:
- auffällige oder fehlende Zähne
- passende Skelettmerkmale
- Darstellungen mit haarlosem oder faltigem Körper
- ein passender zeitlicher und geografischer Zusammenhang
- weitere vergleichbare Funde
- gegebenenfalls genetische Untersuchungen
Je mehr dieser Hinweise zusammentreffen, desto plausibler wird die Annahme eines haarlosen Hundetyps.
Und selbst wenn sich ein Fund nicht eindeutig dem heutigen Xoloitzcuintle zuordnen lässt, wird er dadurch nicht bedeutungslos.
Ein alter Knochen ist kein Rasseausweis. Eine Keramikfigur ist kein Stammbaum. Aber beide können wichtige Teile einer Geschichte erzählen.
Der Hund war schon da.
Nur der passende Ordner kam deutlich später.
Quellen
- Manin et al. (2018): Can we identify the Mexican hairless dog in the archaeological record?
- Valadez Azúa et al. (1999): Entierros de Perros descubiertos en la antigua ciudad de Tula
- The Metropolitan Museum of Art: Canine vessel