Der Xolo ist 3.000 Jahre alt – aber was heißt das eigentlich?

Der Xolo ist nicht einfach seit 3.000 Jahren unverändert: Was archäologische Funde und genetische Untersuchungen über historische Hunde und die moderne Rasse aussagen.

Xoloitzcuintle vor einer historischen archäologischen Darstellung aus Mesoamerika

Eine Zahl, die beeindruckt

„Der Xoloitzcuintle ist 3.000 Jahre alt.“ Diese Aussage klingt eindeutig. Schließlich scheint sie zu bedeuten, dass heute lebende Xolos direkt auf eine seit 3.000 Jahren unverändert bestehende Hunderasse zurückgehen.

So einfach ist es allerdings nicht. Die Zahl verweist auf die lange Geschichte von Hunden in Mesoamerika und auf archäologische Darstellungen sowie Funde, die mit dem Xoloitzcuintle in Verbindung gebracht werden. Sie ist aber kein Geburtsdatum der heutigen Rasse und auch kein Beweis dafür, dass moderne Xolos genetisch unverändert seit 3.000 Jahren existieren.

Kurz gesagt: Die Geschichte ist sehr alt. Die moderne Rasse ist es nicht unbedingt im selben Sinn.

Was lässt sich archäologisch nachweisen?

Hunde lebten bereits lange vor der europäischen Eroberung in Mesoamerika. Archäologische Funde belegen unterschiedliche Hundetypen, die von Menschen gehalten, genutzt und teilweise auch rituell eingesetzt wurden.

Bei Ausgrabungen wurden unter anderem Hunde mit auffälligen Zahnmerkmalen gefunden. Beim haarlosen Xoloitzcuintle treten bis heute häufig fehlende oder ungewöhnlich geformte Zähne auf. Diese Besonderheiten können deshalb bei Skelettfunden Hinweise auf einen haarlosen Hundetyp geben.

Allerdings bleibt die Zuordnung eine wissenschaftliche Rekonstruktion. Knochen bewahren kein Fell. Ein archäologischer Hund kann daher nicht einfach anhand seines Skeletts als „Xolo“ erkannt werden. Erst die Kombination aus Zahnbefund, Körpermaßen, Fundort und zeitlichem Zusammenhang erlaubt eine vorsichtige Einordnung.

Eine Untersuchung zu Hunden aus Tula ordnete einen haarlosen Hundetyp, den Xoloitzcuintli, neben dem gewöhnlichen Mesoamerikanischen Hund und dem kleineren Tlalchichi ein. Die dort untersuchten Tiere lassen sich bis in das 7. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Das ist ein bedeutender historischer Nachweis – aber noch keine lückenlose 3.000-jährige Rassegeschichte.

Woher kommen die 3.000 Jahre?

Die Zahl wird häufig mit Keramik- und Tonfiguren sowie anderen Darstellungen aus verschiedenen mesoamerikanischen Kulturen verbunden. Solche Objekte können mehrere tausend Jahre alt sein und Hunde mit bestimmten Körperformen zeigen.

Das Alter einer Darstellung sagt jedoch zunächst nur, wann sie hergestellt wurde. Es sagt nicht automatisch, wie lange die dargestellte Population bereits existierte oder ob ihre Nachkommen ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart weitergezüchtet wurden.

Auch die Bezeichnung „Xoloitzcuintli“ muss bei sehr alten Funden mit Vorsicht verwendet werden. Der Name stammt aus dem Nahuatl und ist aus historischen Quellen bekannt. Eine mehrere tausend Jahre alte Keramikfigur wurde aber nicht von einem modernen Zuchtbuch begleitet. Sie kann einen haarlosen Hund, einen bestimmten kulturellen Hundetyp oder eine idealisierte Darstellung zeigen.

Das macht die Funde nicht weniger wertvoll. Es bedeutet nur, dass zwischen Darstellung, Hundetyp und moderner Rasse unterschieden werden muss.

Der historische Xolo war nicht einfach der heutige Xolo

Eine wissenschaftliche Untersuchung archäologischer Xolo-Funde aus Mexiko kam zu dem Ergebnis, dass der untersuchte haarlose Hundetyp wahrscheinlich vor etwa 2.000 Jahren im westlichen Mexiko entstand. Die damaligen Tiere waren mittelgroß und hatten im Verhältnis zum Körper kürzere Gliedmaßen als viele heutige Xoloitzcuintles.

Die Autoren verglichen außerdem die archäologischen Funde mit dem modernen Rassestandard. Dabei zeigte sich, dass sich die heutige Vorstellung vom Xolo nicht vollständig aus den alten Funden ableiten lässt.

Das ist keine Abwertung des modernen Xolo. Im Gegenteil: Es zeigt, dass sich auch eine historisch bedeutsame Hundepopulation über längere Zeit verändern kann. Körperbau, Größenverteilung, Zuchtziele und die Auswahl geeigneter Tiere bleiben nicht automatisch über Jahrhunderte unverändert.

„Alt“ bedeutet deshalb nicht „unverändert“. Ein heutiger Xolo muss kein lebendes Fossil sein, um eine bemerkenswerte Geschichte zu haben.

Was sagt die Genetik?

Auch genetische Untersuchungen sprechen gegen eine zu einfache Erzählung. Eine Studie zu archäologischen Hunden aus dem Becken von Mexiko untersuchte acht Unterkiefer, die zwischen etwa 1.620 und 370 Jahren vor heute datiert wurden.

Bei einigen mitochondrialen Haplotypen fanden sich Übereinstimmungen mit heutigen haarlosen Hunderassen. Das kann auf gemeinsame mütterliche Abstammungslinien hindeuten. Die Forschenden konnten die für die Haarlosigkeit relevante FOXI3-Mutation in den untersuchten Proben jedoch nicht erfolgreich nachweisen.

Damit lässt sich weder behaupten, dass die heutigen Xolos vollständig von diesen Hunden abstammen, noch, dass keinerlei Verbindung besteht. Die Daten zeigen vielmehr, dass die Geschichte komplizierter ist als eine gerade Linie vom prähispanischen Hund zur modernen Rasse.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2020 untersuchte alte Hundegenome und die genetische Herkunft heutiger Hunderassen. Für den Xoloitzcuintle wurde dabei ein Anteil von ungefähr 3 Prozent vorkolonialer Abstammung geschätzt. Das ist ein genetischer Hinweis auf erhaltene alte Anteile – aber gerade kein Beleg dafür, dass der moderne Xolo überwiegend oder unverändert aus einer 3.000 Jahre alten Population hervorgegangen ist.

Was bedeutet die Aussage also korrekt?

Sachlich korrekt wäre etwa folgende Formulierung:

Der Xoloitzcuintle steht in einer langen mesoamerikanischen Tradition. Haarlose Hunde und mit ihnen in Verbindung gebrachte Hundetypen sind durch historische Quellen, Darstellungen und archäologische Funde seit vielen Jahrhunderten beziehungsweise Jahrtausenden belegt. Daraus folgt jedoch nicht, dass die heutige Rasse seit 3.000 Jahren genetisch unverändert besteht.

Die Zahl beschreibt also vor allem das Alter der historischen Wurzeln – nicht das Alter eines modernen Rassestandards und nicht die lückenlose Abstammung jedes heutigen Xolos.

Der Xolo braucht deshalb keine übertriebene Altersangabe, um historisch bedeutsam zu sein. Seine tatsächliche Geschichte ist spannend genug: Menschen in Mesoamerika hielten unterschiedliche Hunde, entwickelten besondere Beziehungen zu ihnen und hinterließen Spuren, die bis heute untersucht werden.

Das ist weniger eine perfekte 3.000-Jahre-Linie als eine lange, wechselvolle Geschichte. Und genau deshalb ist sie wissenschaftlich interessanter.

Quellen

  • American Kennel Club: „Xoloitzcuintli Facts You May Not Know“. Die häufig verbreitete Aussage von mindestens 3.000 Jahren wird dort als Rasseinformation wiedergegeben, nicht als Nachweis einer unveränderten modernen Population. AKC
  • Valadez, Raúl et al. (2008): „El xoloitzcuintle prehispánico y el estándar actual de la raza“. Fachartikel
  • Blanco, Alicia et al. (2008): „Entierros de perros descubiertos en la antigua ciudad de Tula“. Cambridge Core
  • Manin, Aurélie et al. (2018): „Can we identify the Mexican hairless dog in the archaeological record?“ University of York / Fachartikel
  • Bergström, Anders et al. (2020): „Origins and genetic legacy of prehistoric dogs“. Science
  • Arqueología Mexicana: „Razas de perros mesoamericanos. Características morfológicas y moleculares“. Arqueología Mexicana